Evangelisches Forum Westfalen

Bochumer Runde

 

Rezitationsabend zum Advent

am 1. 12. 2011 im Ökumenischen Kirchenforum

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 

Von Prof. Dr. Dr. h. c. Klaus Schaller, Ruhr-Universität Bochum

Musikalisch wird der Abend von Felicitas und Dirk Bahlo

(beide Fagott) eingerahmt.

 

 

J.S. Bach: Arie 'Fürchte dich nicht' aus der Kantate BWV 88

Bearbeitet für zwei Bassinstrumente von F. Sherry.

 

Das Marienleben (1912)

 

W. A. Mazart Andante aus der Sonate B-Dur KV 292

für Fagott und Cello

 

Der fremde Mann (1904)

aus "Geschichten vom lieben Gott"

 

J.S. Bach: Arie 'Sei getreu alle Pein' aus der Kantate BWV 12

Bearbeitet für zwei Bassinstrumente von F. Sherry.

 

Werkleute sind wir...  (1905)

aus: Stundenbuch (I, Vom mönchischen Leben)

 

 

Das Marienleben (1912)

 

Geburt Mariae

 

O was muß es die Engel gekostet haben,

nicht aufzusingen plötzlich, wie man aufweint,

da sie doch wußten: in dieser Nacht wird dem Knaben

die Mutter geboren, dem Einen, der bald erscheint.

Schwingend verschwiegen sie sich und zeigten die Richtung,

wo, allein, das Gehöft lag des Joachim,

ach, sie fühlten in sich und im Raum die reine Verdichtung,

aber es durfte keiner nieder zu ihm.

Denn die beiden waren schon so außer sich vor Getue.

Eine Nachbarin kam und klugte und wußte nicht wie,

und der Alte, vorsichtig, ging und verhielt das Gemuhe

einer dunkelen Kuh. Denn so war es noch nie.

 

 

Die Darstellung Mariae im Tempel

 

Um zu begreifen, wie sie damals war,

mußt du dich erst an eine Stelle rufen,

wo Säulen in dir wirken; wo du Stufen

nachfühlen kannst; wo Bogen voll Gefahr

den Abgrund eines Raumes überbrücken,

der in dir blieb, weil er aus solchen Stücken

getürmt war, daß du sie nicht mehr aus dir

ausheben kannst: du rissest dich denn ein.

Bist du so weit, ist alles in dir Stein,

Wand, Aufgang, Durchblick, Wölbung –, so probier

den großen Vorhang, den du vor dir hast,

ein wenig wegzuzerrn mit beiden Händen:

da glänzt es von ganz hohen Gegenständen

und übertrifft dir Atem und Getast.

Hinauf, hinab, Palast steht auf Palast,

Geländer strömen breiter aus Geländern

und tauchen oben auf an solchen Rändern,

daß dich, wie du sie siehst, der Schwindel faßt.

Dabei macht ein Gewölk aus Räucherständern

die Nähe trüb; aber das Fernste zielt

in dich hinein mit seinen graden Strahlen –,

und wenn jetzt Schein aus klaren Flammenschalen

auf langsam nahenden Gewändern spielt:

wie hältst du's aus?

 

Sie aber kam und hob

den Blick, um dieses alles anzuschauen.

(Ein Kind, ein kleines Mädchen zwischen Frauen.)

Dann stieg sie ruhig, voller Selbstvertrauen,

dem Aufwand zu, der sich verwöhnt verschob:

So sehr war alles, was die Menschen bauen,

schon überwogen von dem Lob

 

in ihrem Herzen. Von der Lust

sich hinzugeben an die innern Zeichen:

Die Eltern meinten, sie hinaufzureichen,

der Drohende mit der Juwelenbrust

empfing sie scheinbar: Doch sie ging durch alle,

klein wie sie war, aus jeder Hand hinaus

und in ihr Los, das, höher als die Halle,

schon fertig war, und schwerer als das Haus.

 

 

Mariae Verkündigung

 

Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),

erschreckte sie. Sowenig andre, wenn

ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht

in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,

auffahren –, pflegte sie an der Gestalt,

in der ein Engel ging, sich zu entrüsten;

sie ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt

mühsam für Engel ist. (O wenn wir wüßten,

wie rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht,

die, liegend, einmal sie im Wald eräugte,

sich so in sie versehn, daß sich in ihr,

ganz ohne Paarigen, das Einhorn zeugte,

das Tier aus Licht, das reine Tier –.)

Nicht, daß er eintrat, aber daß er dicht,

der Engel, eines Jünglings Angesicht

so zu ihr neigte; daß sein Blick und der,

mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen

als wäre draußen plötzlich alles leer

und, was Millionen schauten, trieben, trugen,

hineingedrängt in sie: nur sie und er;

Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide

sonst nirgends als an dieser Stelle –: sieh,

dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.

 

Dann sang der Engel seine Melodie.

 

 

Mariae Heimsuchung

 

Noch erging sie's leicht im Anbeginne,

doch im Steigen manchmal ward sie schon

ihres wunderbaren Leibes inne, –

und dann stand sie, atmend, auf den hohn

 

Judenbergen. Aber nicht das Land,

ihre Fülle war um sie gebreitet;

gehend fühlte sie: man überschreitet

nie die Größe, die sie jetzt empfand.

 

Und es drängte sie, die Hand zu legen

auf den andern Leib, der weiter war.

Und die Frauen schwankten sich entgegen

und berührten sich Gewand und Haar.

 

Jede, voll von ihrem Heiligtume,

schützte sich mit der Gevatterin.

Ach der Heiland in ihr war noch Blume,

doch den Täufer in dem Schooß der Muhme

riß die Freude schon zum Hüpfen hin.

 

 

Argwohn Josephs

 

Und der Engel sprach und gab sich Müh

an dem Mann, der seine Fäuste ballte:

Aber siehst du nicht an jeder Falte,

daß sie kühl ist wie die Gottesfrüh.

 

Doch der andre sah ihn finster an,

murmelnd nur: Was hat sie so verwandelt?

Doch da schrie der Engel: Zimmermann,

merkst du's noch nicht, daß der Herrgott handelt?

 

Weil du Bretter machst, in deinem Stolze,

willst du wirklich den zu Rede stelln,

der bescheiden aus dem gleichen Holze

Blätter treiben macht und Knospen schwelln?

 

Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke,

recht erschrocken, zu dem Engel hob,

war der fort. Da schob er seine dicke

Mütze langsam ab. Dann sang er lob.

 

 

Verkündigung über den Hirten

 

Seht auf, ihr Männer. Männer dort am Feuer,

die ihr den grenzenlosen Himmel kennt,

Sterndeuter, hierher! Seht, ich bin ein neuer

steigender Stern. Mein ganzes Wesen brennt

und strahlt so stark und ist so ungeheuer

voll Licht, daß mir das tiefe Firmament

nicht mehr genügt. Laßt meinen Glanz hinein

in euer Dasein: Oh, die dunklen Blicke,

die dunklen Herzen, nächtige Geschicke

die euch erfüllen. Hirten, wie allein

bin ich in euch. Auf einmal wird mir Raum.

Stauntet ihr nicht: der große Brotfruchtbaum

warf einen Schatten. Ja, das kam von mir.

Ihr Unerschrockenen, o wüßtet ihr,

wie jetzt auf eurem schauenden Gesichte

die Zukunft scheint. In diesem starken Lichte

wird viel geschehen. Euch vertrau ichs, denn

ihr seid verschwiegen; euch Gradgläubigen

redet hier alles. Glut und Regen spricht,

der Vögel Zug, der Wind und was ihr seid,

keins überwiegt und wächst zur Eitelkeit

sich mästend an. Ihr haltet nicht

die Dinge auf im Zwischenraum der Brust

um sie zu quälen. So wie seine Lust

durch einen Engel strömt, so treibt durch euch

das Irdische. Und wenn ein Dorngesträuch

aufflammte plötzlich, dürfte noch aus ihm

der Ewige euch rufen, Cherubim,

wenn sie geruhten neben eurer Herde

einherzuschreiten, wunderten euch nicht:

ihr stürztet euch auf euer Angesicht,

betetet an und nenntet dies die Erde.

 

Doch dieses war. Nun soll ein Neues sein,

von dem der Erdkreis ringender sich weitet.

Was ist ein Dörnicht uns: Gott fühlt sich ein

in einer Jungfrau Schooß. Ich bin der Schein

von ihrer Innigkeit, der euch geleitet.

 

 

Geburt Christi

 

Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte

dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?

Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,

macht sich mild und kommt in dir zur Welt.

 

Hast du dir ihn größer vorgestellt?

 

Was ist Größe? Quer durch alle Maße,

die er durchstreicht, geht sein grades Los.

Selbst ein Stern hat keine solche Straße.

Siehst du, diese Könige sind groß,

 

und sie schleppen dir vor deinen Schooß

 

Schätze, die sie für die größten halten,

und du staunst vielleicht bei dieser Gift –:

aber schau in deines Tuches Falten,

wie er jetzt schon alles übertrifft.

 

Aller Amber, den man weit verschifft,

 

jeder Goldschmuck und das Luftgewürze,

das sich trübend in die Sinne streut:

alles dieses war von rascher Kürze,

und am Ende hat man es bereut.

 

Aber (du wirst sehen): Er erfreut.

 

 

Rast auf der Flucht in Aegypten

 

Diese, die noch eben atemlos

flohen mitten aus dem Kindermorden:

o wie waren sie unmerklich groß

über ihrer Wanderschaft geworden.

 

Kaum noch daß im scheuen Rückwärtsschauen

ihres Schreckens Not zergangen war,

und schon brachten sie auf ihrem grauen

Maultier ganze Städte in Gefahr;

 

denn so wie sie, klein im großen Land,

– fast ein Nichts – den starken Tempeln nahten,

platzten alle Götzen wie verraten

und verloren völlig den Verstand.

 

Ist es denkbar, daß von ihrem Gange

alles so verzweifelt sich erbost?

und sie wurden vor sich selber bange,

nur das Kind war namenlos getrost.

 

Immerhin, sie mußten sich darüber

eine Weile setzen. Doch da ging –

sieh: der Baum, der still sie überhing,

wie ein Dienender zu ihnen über:

 

er verneigte sich. Derselbe Baum,

dessen Kränze toten Pharaonen

für das Ewige die Stirnen schonen,

neigte sich. Er fühlte neue Kronen

blühen. Und sie saßen wie im Traum.

 

 

Von der Hochzeit zu Kana

 

Konnte sie denn anders, als auf ihn

stolz sein, der ihr Schlichtestes verschönte?

War nicht selbst die hohe, großgewöhnte

Nacht wie außer sich, da er erschien?

 

Ging nicht auch, daß er sich einst verloren,

unerhört zu seiner Glorie aus?

Hatten nicht die Weisesten die Ohren

mit dem Mund vertauscht? Und war das Haus

 

nicht wie neu von seiner Stimme? Ach

sicher hatte sie zu hundert Malen

ihre Freude an ihm auszustrahlen

sich verwehrt. Sie ging ihm staunend nach.

 

Aber da bei jenem Hochzeitsfeste,

als es unversehns an Wein gebrach, –

sah sie hin und bat um eine Geste

und begriff nicht, daß er widersprach.

 

Und dann tat er's. Sie verstand es später,

wie sie ihn in seinen Weg gedrängt:

denn jetzt war er wirklich Wundertäter,

und das ganze Opfer war verhängt,

 

unaufhaltsam. Ja, es stand geschrieben.

Aber war es damals schon bereit?

Sie: sie hatte es herbeigetrieben

in der Blindheit ihrer Eitelkeit.

 

An dem Tisch voll Früchten und Gemüsen

freute sie sich mit und sah nicht ein,

daß das Wasser ihrer Tränendrüsen

Blut geworden war mit diesem Wein.

 

 

Vor der Passion

 

O hast du dies gewollt, du hättest nicht

durch eines Weibes Leib entspringen dürfen:

Heilande muß man in den Bergen schürfen,

wo man das Harte aus dem Harten bricht.

 

Tut dirs nicht selber leid, dein liebes Tal

so zu verwüsten? Siehe meine Schwäche;

ich habe nichts als Milch- und Tränenbäche,

und du warst immer in der Überzahl.

 

Mit solchem Aufwand wardst du mir verheißen.

Was tratst du nicht gleich wild aus mir hinaus?

Wenn du nur Tiger brauchst, dich zu zerreißen,

warum erzog man mich im Frauenhaus,

 

ein weiches reines Kleid für dich zu weben,

darin nicht einmal die geringste Spur

von Naht dich drückt –: so war mein ganzes Leben,

und jetzt verkehrst du plötzlich die Natur.

 

 

Pietà

 

Jetzt wird mein Elend voll, und namenlos

erfüllt es mich. Ich starre wie des Steins

Inneres starrt.

Hart wie ich bin, weiß ich nur Eins:

Du wurdest groß –

...... und wurdest groß,

um als zu großer Schmerz

ganz über meines Herzens Fassung

hinauszustehn.

Jetzt liegst du quer durch meinen Schooß,

jetzt kann ich dich nicht mehr

 

 

Stillung Mariae mit dem Auferstandenen

 

Was sie damals empfanden: ist es nicht

vor allen Geheimnissen süß

und immer noch irdisch:

da er, ein wenig blaß noch vom Grab,

erleichtert zu ihr trat:

an allen Stellen erstanden.

O zu ihr zuerst. Wie waren sie da

unaussprechlich in Heilung.

Ja sie heilten, das war's. Sie hatten nicht nötig,

sich stark zu berühren.

Er legte ihr eine Sekunde

kaum seine nächstens

ewige Hand an die frauliche Schulter.

Und sie begannen

still wie die Bäume im Frühling,

unendlich zugleich,

diese Jahreszeit

ihres äußersten Umgangs.

 

 

Vom Tode Mariae  (Drei Stücke)

Derselbe große Engel, welcher einst

ihr der Gebärung Botschaft niederbrachte,

stand da, abwartend daß sie ihn beachte,

und sprach: Jetzt wird es Zeit, daß du erscheinst.

Und sie erschrak wie damals und erwies

sich wieder als die Magd, ihn tief bejahend.

Er aber strahlte und, unendlich nahend,

schwand er wie in ihr Angesicht – und hieß

die weithin ausgegangenen Bekehrer

zusammenkommen in das Haus am Hang,

das Haus des Abendmahls. Sie kamen schwerer

und traten bange ein: Da lag, entlang

die schmale Bettstatt, die in Untergang

und Auserwählung rätselhaft Getauchte,

ganz unversehrt, wie eine Ungebrauchte,

und achtete auf englischen Gesang.

Nun da sie alle hinter ihren Kerzen

abwarten sah, riß sie vom Übermaß

der Stimmen sich und schenkte noch von Herzen

die beiden Kleider fort, die sie besaß,

und hob ihr Antlitz auf zu dem und dem...

(O Ursprung namenloser Tränen-Bäche).

 

Sie aber legte sich in ihre Schwäche

und zog die Himmel an Jerusalem

so nah heran, daß ihre Seele nur,

austretend, sich ein wenig strecken mußte:

schon hob er sie, der alles von ihr wußte,

hinein in ihre göttliche Natur.

 

II
WER hat bedacht, daß bis zu ihrem Kommen
der viele Himmel unvollständig war?
Der Auferstandne hatte Platz genommen,
doch neben ihm, durch vierundzwanzig Jahr,
war leer der Sitz. Und sie begannen schon
sich an die reine Lücke zu gewöhnen,
die wie verheilt war, denn mit seinem schönen
Hinüberscheinen füllte sie der Sohn.

So ging auch sie, die in die Himmel trat
nicht auf ihn zu, so sehr es sie verlangte;
dort war kein Platz, nur Er war dort und prangte
mit einer Strahlung, die ihr wehe tat.
Doch da sie jetzt, die rührende Gestalt,
sich zu den neuen Seligen gesellte
und unauffällig, licht zu licht, sich stellte,
da brach aus ihrem Sein ein Hinterhalt
von solchem Glanz, daß der von ihr erhellte
Engel geblendet aufschrie: Wer ist die?
Ein Staunen war. Dann sahn sie alle, wie
Gott-Vater oben unsern Herrn verhielt,
so daß, von milder Dämmerung umspielt,
die leere Stelle wie ein wenig Leid
sich zeigte, eine Spur von Einsamkeit,
wie etwas, was er noch ertrug, ein Rest
irdischer Zeit, ein trockenes Gebrest -.
Man sah nach ihr: sie schaute ängstlich hin,
weit vorgeneigt, als fühlte sie: ich bin
sein längster Schmerz -: und stürzte plötzlich vor.
Die Engel aber nahmen sie zu sich
und stützten sie und sangen seliglich
und trugen sie das letzte Stück empor.

III
DOCH vor dem Apostel Thomas, der
kam, da es zu spät war, trat der schnelle
längst darauf gefaßte Engel her
und befahl an der Begräbnisstelle:

Dräng den Stein beiseite. Willst du wissen,
wo die ist, die dir das Herz bewegt:
Sieh: sie ward wie ein Lavendelkissen
eine Weile da hineingelegt,

daß die Erde künftig nach ihr rieche
in den Falten wie ein feines Tuch.
Alles Tote (fühlst du), alles Sieche
ist betäubt von ihrem  Wohl-Geruch.

Schau den Leinwand: wo ist eine Bleiche,
wo er blendend wird und geht nicht ein?
Dieses Licht aus dieser reinen Leiche
war ihm klärender als Sonnenschein.

Staunst du nicht, wie sanft sie ihm entging?
Fast als wär sie's noch, nichts ist verschoben.
Doch die Himmel sind erschüttert oben:
Mann, knie hin und sieh mir nach und sing.

   

 

 

Geschichten vom lieben Gott (1904)

 

Der fremde Mann

 

Ein fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den großen, noch von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Rußland oder dem Zaren Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Vorfahren. Nicht vom Bürgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt, nicht von den fernen Städten; und auch der Wald mit den vielen Rehen, darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von seinem Mütterchen oder von seinen Schwestern, die gewiß längst verheiratet sind. Vielleicht ist auch sein Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in einem vierseitigen Briefe nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, viel größeres Vertrauen, er macht mich zu seinem Bruder, er spricht mir von seiner Not.

 

Am Abend kommt der fremde Mann zu mir. Ich zünde keine Lampe an, helfe ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken, weil das gerade die Stunde ist, in welcher ich täglich meinen Tee trinke. Und bei so nahen Besuchen muß man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns schon an den Tisch setzen wollen, bemerke ich, daß mein Gast unruhig ist; sein Gesicht ist voll Angst und seine Hände zittern. »Richtig,« sage ich, »hier ist ein Brief für Sie.« Und dann bin ich dabei den Tee einzugießen. »Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich habe in Rußland gelernt den Tee mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?« Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich Dämmerung bleibt im Zimmer, nur eine etwas wärmere als früher, eine rötliche. Und da scheint auch das Gesicht meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich begrüße ihn noch einmal mit den Worten: »Wissen Sie, ich habe Sie lange erwartet.« Und ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. »Ich weiß eine Geschichte, welche ich niemandem erzählen mag als Ihnen; fragen Sie mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob der Tee genug süß ist und ob Sie die Geschichte hören wollen.« Mein Gast mußte lächeln. Dann antwortete er einfach: »Ja.« »Auf alles drei: Ja?« »Auf alles drei.«

 

Wir lehnten uns beide zugleich in unseren Stühlen zurück, so daß unsere Gesichter schattig wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute mich daran, wie goldig der Tee glänzte, vergaß diese Freude langsam wieder und fragte plötzlich: »Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?«

 

Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften sich ins Dunkel, und mit den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei langen Laubengängen in einem Parke, über welchem leuchtend und breit Sommer und Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder Dämmerung, dehnen sich in immer engerer Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden Punkt: dem jenseitigen Ausgang in einen vielleicht noch viel helleren Tag. Während ich das erkannte, sagte er zögernd und als ob er sich nur ungern seiner Stimme bediente: »Ja, ich erinnere mich noch an Gott.« »Gut,« dankte ich ihm, »denn gerade von ihm handelt meine Geschichte. Doch zuerst sagen Sie mir noch: Sprechen Sie bisweilen mit Kindern?« »Es kommt wohl vor, so im Vorübergehen, wenigstens –« »Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner Hände nicht weiß, wie der fertige Mensch eigentlich aussieht?« »Das habe ich einmal irgendwo gehört, ich weiß indessen nicht von wem« – entgegnete mein Gast, und ich sah unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn jagen. »Gleichviel,« störte ich ihn, »hören Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese Ungewißheit. Denn seine Geduld ist wie seine Stärke groß. Einmal aber, als dichte Wolken zwischen ihm und der Erde standen viele Tage lang, so daß er kaum mehr wußte, ob er alles: Welt und Menschen und Zeit nicht nur geträumt hatte, rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem Angesicht verbannt und verborgen gewesen war in kleinen unwichtigen Werken. Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte, Gott wolle ihr endlich verzeihen. Als Gott sie so vor sich sah in ihrer Schönheit, Jugend und Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben. Aber rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne hinzusehen: ›Du gehst hinunter auf die Erde. Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen siehst, und stellst dich, nackt, auf einen Berg, so daß ich dich genau betrachten kann. Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen Frau und sag ihr, aber ganz leise: Ich möchte leben. Es wird zuerst ein kleines Dunkel um dich sein und dann ein großes Dunkel, welches Kindheit heißt, und dann wirst du ein Mann sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen Augenblick. Leb wohl.‹

 

Die Rechte nahm von der Linken Abschied, gab ihr viele freundliche Namen, ja es wurde sogar behauptet, sie habe sich plötzlich vor ihr verneigt und gesagt: ›Du, heiliger Geist.‹ Aber schon trat der heilige Paulus herzu, hieb dem lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel fing sie auf und trug sie unter seinem weiten Gewand davon. Gott aber hielt sich mit der Linken die Wunde zu, damit sein Blut nicht über die Sterne ströme und von da in traurigen Tropfen herunterfiele auf die Erde. Eine kurze Zeit später bemerkte Gott, der aufmerksam alle Vorgänge unten betrachtete, daß die Menschen in den eisernen Kleidern sich um einen Berg mehr zu schaffen machten, als um alle anderen Berge. Und er erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen zu sehen. Aber es kam nur ein Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel, welcher etwas schwarzes Schwankendes aufwärts schleppte. In demselben Augenblicke begann Gottes linke Hand, die vor seinem offenen Blute lag, unruhig zu werden, und mit einem Mal verließ sie, ehe Gott es verhindern konnte, ihren Platz und irrte wie wahnsinnig zwischen den Sternen umher und schrie: ›Oh, die arme rechte Hand, und ich kann ihr nicht helfen.‹ Dabei zerrte sie an Gottes linkem Arm, an dessen äußerstem Ende sie hing, und bemühte sich loszukommen. Die ganze Erde aber war rot vom Blute Gottes, und man konnte nicht erkennen, was darunter geschah. Damals wäre Gott fast gestorben. Mit letzter Anstrengung rief er seine Rechte zurück; sie kam blaß und bebend und legte sich an ihren Platz, wie ein krankes Tier. Aber auch die Linke, die doch schon manches wußte, da sie die rechte Hand Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte, als diese in einem roten Mantel den Berg erstieg, konnte von ihr nicht erfahren, was sich weiter auf diesem Berge begeben hat. Es muß etwas sehr Schreckliches gewesen sein. Denn Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt, und sie leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger, als unter dem alten Zorne Gottes, der ja seinen Händen immer noch nicht verziehen hat.«

 

Meine Stimme ruhte ein wenig aus. Der Fremde hatte sein Gesicht mit den Händen verhüllt. Lange blieb alles so. Dann sagte der fremde Mann mit einer Stimme, die ich längst kannte: »Und warum haben Sie mir diese Geschichte erzählt?«

 

»Wer hätte mich sonst verstanden? Sie kommen zu mir ohne Rang, ohne Amt, ohne irgend eine zeitliche Würde, fast ohne Namen. Es war dunkel, als Sie eintraten, allein ich bemerkte in Ihren Zügen eine Ähnlichkeit –« Der fremde Mann blickte fragend auf. »Ja,« erwiderte ich seinem stillen Blick, »ich denke oft, vielleicht ist Gottes Hand wieder unterwegs...«

 

Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, und offenbar wurde sie ihnen so erzählt, daß sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese Geschichte lieb.

 

 

Stundenbuch

 

I, Vom mönchischen Leben

 

Werkleute sind wir ... (1906)

 

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen dich, du hohes Mittelschiff.

Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

 

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,

in unsern Händen hängt der Hammer schwer,

bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,

die strahlend und als ob sie Alles wüßte

von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

 

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern

und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.

Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:

Und deine kommenden Konturen dämmern.

 

Gott, du bist groß.