|
Evangelisches Forum Westfalen
Bochumer Runde Rezitationsabend zum Advent am 1. 12. 2011 im Ökumenischen
Kirchenforum Rainer Maria Rilke (1875-1926) Von Prof. Dr. Dr. h. c. Klaus
Schaller, Ruhr-Universität Bochum Musikalisch wird der Abend von
Felicitas und Dirk Bahlo (beide Fagott) eingerahmt. J.S. Bach: Arie 'Fürchte dich nicht'
aus der Kantate BWV 88 Bearbeitet für zwei Bassinstrumente
von F. Sherry. Das Marienleben (1912) W. A. Mazart Andante aus der Sonate
B-Dur KV 292 für Fagott und Cello Der fremde Mann (1904) aus "Geschichten vom lieben
Gott" J.S. Bach: Arie 'Sei getreu alle Pein'
aus der Kantate BWV 12 Bearbeitet für zwei Bassinstrumente
von F. Sherry. Werkleute sind wir... (1905) aus: Stundenbuch (I, Vom mönchischen Leben)
|
||
|
Das
Marienleben
(1912) Geburt Mariae O was
muß es die Engel gekostet haben, nicht
aufzusingen plötzlich, wie man aufweint, da sie
doch wußten: in dieser Nacht wird dem Knaben die
Mutter geboren, dem Einen, der bald erscheint. Schwingend
verschwiegen sie sich und zeigten die Richtung, wo,
allein, das Gehöft lag des Joachim, ach,
sie fühlten in sich und im Raum die reine Verdichtung, aber es
durfte keiner nieder zu ihm. Denn
die beiden waren schon so außer sich vor Getue. Eine
Nachbarin kam und klugte und wußte nicht wie, und der
Alte, vorsichtig, ging und verhielt das Gemuhe einer
dunkelen Kuh. Denn so war es noch nie. Die Darstellung Mariae im Tempel Um zu
begreifen, wie sie damals war, mußt du
dich erst an eine Stelle rufen, wo
Säulen in dir wirken; wo du Stufen nachfühlen
kannst; wo Bogen voll Gefahr den
Abgrund eines Raumes überbrücken, der in
dir blieb, weil er aus solchen Stücken getürmt
war, daß du sie nicht mehr aus dir ausheben
kannst: du rissest dich denn ein. Bist du
so weit, ist alles in dir Stein, Wand,
Aufgang, Durchblick, Wölbung –, so probier den
großen Vorhang, den du vor dir hast, ein
wenig wegzuzerrn mit beiden Händen: da
glänzt es von ganz hohen Gegenständen und
übertrifft dir Atem und Getast. Hinauf,
hinab, Palast steht auf Palast, Geländer
strömen breiter aus Geländern und
tauchen oben auf an solchen Rändern, daß
dich, wie du sie siehst, der Schwindel faßt. Dabei
macht ein Gewölk aus Räucherständern die
Nähe trüb; aber das Fernste zielt in dich
hinein mit seinen graden Strahlen –, und wenn
jetzt Schein aus klaren Flammenschalen auf
langsam nahenden Gewändern spielt: wie
hältst du's aus? Sie
aber kam und hob den
Blick, um dieses alles anzuschauen. (Ein
Kind, ein kleines Mädchen zwischen Frauen.) Dann
stieg sie ruhig, voller Selbstvertrauen, dem
Aufwand zu, der sich verwöhnt verschob: So sehr
war alles, was die Menschen bauen, schon
überwogen von dem Lob in
ihrem Herzen. Von der Lust sich
hinzugeben an die innern Zeichen: Die
Eltern meinten, sie hinaufzureichen, der
Drohende mit der Juwelenbrust empfing
sie scheinbar: Doch sie ging durch alle, klein
wie sie war, aus jeder Hand hinaus und in
ihr Los, das, höher als die Halle, schon
fertig war, und schwerer als das Haus. Mariae Verkündigung Nicht
daß ein Engel eintrat (das erkenn), erschreckte
sie. Sowenig andre, wenn ein
Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht in
ihrem Zimmer sich zu schaffen macht, auffahren
–, pflegte sie an der Gestalt, in der
ein Engel ging, sich zu entrüsten; sie
ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt mühsam
für Engel ist. (O wenn wir wüßten, wie
rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht, die,
liegend, einmal sie im Wald eräugte, sich so
in sie versehn, daß sich in ihr, ganz
ohne Paarigen, das Einhorn zeugte, das
Tier aus Licht, das reine Tier –.) Nicht,
daß er eintrat, aber daß er dicht, der
Engel, eines Jünglings Angesicht so zu
ihr neigte; daß sein Blick und der, mit dem
sie aufsah, so zusammenschlugen als
wäre draußen plötzlich alles leer und,
was Millionen schauten, trieben, trugen, hineingedrängt
in sie: nur sie und er; Schaun
und Geschautes, Aug und Augenweide sonst
nirgends als an dieser Stelle –: sieh, dieses
erschreckt. Und sie erschraken beide. Dann
sang der Engel seine Melodie. Mariae Heimsuchung Noch
erging sie's leicht im Anbeginne, doch im
Steigen manchmal ward sie schon ihres
wunderbaren Leibes inne, – und
dann stand sie, atmend, auf den hohn Judenbergen.
Aber nicht das Land, ihre
Fülle war um sie gebreitet; gehend
fühlte sie: man überschreitet nie die
Größe, die sie jetzt empfand. Und es
drängte sie, die Hand zu legen auf den
andern Leib, der weiter war. Und die
Frauen schwankten sich entgegen und
berührten sich Gewand und Haar. Jede,
voll von ihrem Heiligtume, schützte
sich mit der Gevatterin. Ach der
Heiland in ihr war noch Blume, doch
den Täufer in dem Schooß der Muhme riß die
Freude schon zum Hüpfen hin. Argwohn Josephs Und der
Engel sprach und gab sich Müh an dem
Mann, der seine Fäuste ballte: Aber
siehst du nicht an jeder Falte, daß sie
kühl ist wie die Gottesfrüh. Doch
der andre sah ihn finster an, murmelnd
nur: Was hat sie so verwandelt? Doch da
schrie der Engel: Zimmermann, merkst
du's noch nicht, daß der Herrgott handelt? Weil du
Bretter machst, in deinem Stolze, willst
du wirklich den zu Rede stelln, der
bescheiden aus dem gleichen Holze Blätter
treiben macht und Knospen schwelln? Er
begriff. Und wie er jetzt die Blicke, recht
erschrocken, zu dem Engel hob, war der
fort. Da schob er seine dicke Mütze
langsam ab. Dann sang er lob. Verkündigung über den Hirten Seht
auf, ihr Männer. Männer dort am Feuer, die ihr
den grenzenlosen Himmel kennt, Sterndeuter,
hierher! Seht, ich bin ein neuer steigender
Stern. Mein ganzes Wesen brennt und
strahlt so stark und ist so ungeheuer voll
Licht, daß mir das tiefe Firmament nicht
mehr genügt. Laßt meinen Glanz hinein in euer
Dasein: Oh, die dunklen Blicke, die
dunklen Herzen, nächtige Geschicke die
euch erfüllen. Hirten, wie allein bin ich
in euch. Auf einmal wird mir Raum. Stauntet
ihr nicht: der große Brotfruchtbaum warf
einen Schatten. Ja, das kam von mir. Ihr
Unerschrockenen, o wüßtet ihr, wie
jetzt auf eurem schauenden Gesichte die
Zukunft scheint. In diesem starken Lichte wird
viel geschehen. Euch vertrau ichs, denn ihr
seid verschwiegen; euch Gradgläubigen redet
hier alles. Glut und Regen spricht, der Vögel
Zug, der Wind und was ihr seid, keins
überwiegt und wächst zur Eitelkeit sich
mästend an. Ihr haltet nicht die
Dinge auf im Zwischenraum der Brust um sie
zu quälen. So wie seine Lust durch
einen Engel strömt, so treibt durch euch das
Irdische. Und wenn ein Dorngesträuch aufflammte
plötzlich, dürfte noch aus ihm der
Ewige euch rufen, Cherubim, wenn
sie geruhten neben eurer Herde einherzuschreiten,
wunderten euch nicht: ihr
stürztet euch auf euer Angesicht, betetet
an und nenntet dies die Erde. Doch
dieses war. Nun soll ein Neues sein, von dem
der Erdkreis ringender sich weitet. Was ist
ein Dörnicht uns: Gott fühlt sich ein in
einer Jungfrau Schooß. Ich bin der Schein von
ihrer Innigkeit, der euch geleitet. Geburt Christi Hättest
du der Einfalt nicht, wie sollte dir
geschehn, was jetzt die Nacht erhellt? Sieh,
der Gott, der über Völkern grollte, macht
sich mild und kommt in dir zur Welt. Hast du
dir ihn größer vorgestellt? Was ist
Größe? Quer durch alle Maße, die er
durchstreicht, geht sein grades Los. Selbst
ein Stern hat keine solche Straße. Siehst
du, diese Könige sind groß, und sie
schleppen dir vor deinen Schooß Schätze,
die sie für die größten halten, und du
staunst vielleicht bei dieser Gift –: aber
schau in deines Tuches Falten, wie er
jetzt schon alles übertrifft. Aller
Amber, den man weit verschifft, jeder
Goldschmuck und das Luftgewürze, das
sich trübend in die Sinne streut: alles
dieses war von rascher Kürze, und am
Ende hat man es bereut. Aber
(du wirst sehen): Er erfreut. Rast auf der Flucht in Aegypten Diese,
die noch eben atemlos flohen
mitten aus dem Kindermorden: o wie
waren sie unmerklich groß über
ihrer Wanderschaft geworden. Kaum
noch daß im scheuen Rückwärtsschauen ihres
Schreckens Not zergangen war, und
schon brachten sie auf ihrem grauen Maultier
ganze Städte in Gefahr; denn so
wie sie, klein im großen Land, – fast
ein Nichts – den starken Tempeln nahten, platzten
alle Götzen wie verraten und
verloren völlig den Verstand. Ist es
denkbar, daß von ihrem Gange alles
so verzweifelt sich erbost? und sie
wurden vor sich selber bange, nur das
Kind war namenlos getrost. Immerhin,
sie mußten sich darüber eine
Weile setzen. Doch da ging – sieh:
der Baum, der still sie überhing, wie ein
Dienender zu ihnen über: er
verneigte sich. Derselbe Baum, dessen
Kränze toten Pharaonen für das
Ewige die Stirnen schonen, neigte
sich. Er fühlte neue Kronen blühen.
Und sie saßen wie im Traum. Von der Hochzeit zu Kana Konnte
sie denn anders, als auf ihn stolz
sein, der ihr Schlichtestes verschönte? War
nicht selbst die hohe, großgewöhnte Nacht
wie außer sich, da er erschien? Ging
nicht auch, daß er sich einst verloren, unerhört
zu seiner Glorie aus? Hatten
nicht die Weisesten die Ohren mit dem
Mund vertauscht? Und war das Haus nicht
wie neu von seiner Stimme? Ach sicher
hatte sie zu hundert Malen ihre
Freude an ihm auszustrahlen sich
verwehrt. Sie ging ihm staunend nach. Aber da
bei jenem Hochzeitsfeste, als es
unversehns an Wein gebrach, – sah sie
hin und bat um eine Geste und
begriff nicht, daß er widersprach. Und
dann tat er's. Sie verstand es später, wie sie
ihn in seinen Weg gedrängt: denn
jetzt war er wirklich Wundertäter, und das
ganze Opfer war verhängt, unaufhaltsam.
Ja, es stand geschrieben. Aber
war es damals schon bereit? Sie:
sie hatte es herbeigetrieben in der
Blindheit ihrer Eitelkeit. An dem
Tisch voll Früchten und Gemüsen freute
sie sich mit und sah nicht ein, daß das
Wasser ihrer Tränendrüsen Blut
geworden war mit diesem Wein. Vor der Passion O hast
du dies gewollt, du hättest nicht durch
eines Weibes Leib entspringen dürfen: Heilande
muß man in den Bergen schürfen, wo man
das Harte aus dem Harten bricht. Tut
dirs nicht selber leid, dein liebes Tal so zu
verwüsten? Siehe meine Schwäche; ich
habe nichts als Milch- und Tränenbäche, und du
warst immer in der Überzahl. Mit
solchem Aufwand wardst du mir verheißen. Was
tratst du nicht gleich wild aus mir hinaus? Wenn du
nur Tiger brauchst, dich zu zerreißen, warum
erzog man mich im Frauenhaus, ein
weiches reines Kleid für dich zu weben, darin
nicht einmal die geringste Spur von
Naht dich drückt –: so war mein ganzes Leben, und
jetzt verkehrst du plötzlich die Natur. Pietà Jetzt
wird mein Elend voll, und namenlos erfüllt
es mich. Ich starre wie des Steins Inneres
starrt. Hart
wie ich bin, weiß ich nur Eins: Du
wurdest groß – ......
und wurdest groß, um als
zu großer Schmerz ganz
über meines Herzens Fassung hinauszustehn. Jetzt
liegst du quer durch meinen Schooß, jetzt
kann ich dich nicht mehr Stillung Mariae mit dem Auferstandenen Was sie
damals empfanden: ist es nicht vor
allen Geheimnissen süß und
immer noch irdisch: da er,
ein wenig blaß noch vom Grab, erleichtert
zu ihr trat: an
allen Stellen erstanden. O zu
ihr zuerst. Wie waren sie da unaussprechlich
in Heilung. Ja sie
heilten, das war's. Sie hatten nicht nötig, sich
stark zu berühren. Er
legte ihr eine Sekunde kaum
seine nächstens ewige
Hand an die frauliche Schulter. Und sie
begannen still
wie die Bäume im Frühling, unendlich
zugleich, diese
Jahreszeit ihres
äußersten Umgangs. Vom Tode Mariae (Drei Stücke) Derselbe
große Engel, welcher einst ihr der
Gebärung Botschaft niederbrachte, stand
da, abwartend daß sie ihn beachte, und
sprach: Jetzt wird es Zeit, daß du erscheinst. Und sie
erschrak wie damals und erwies sich
wieder als die Magd, ihn tief bejahend. Er aber
strahlte und, unendlich nahend, schwand
er wie in ihr Angesicht – und hieß die
weithin ausgegangenen Bekehrer zusammenkommen
in das Haus am Hang, das
Haus des Abendmahls. Sie kamen schwerer und
traten bange ein: Da lag, entlang die
schmale Bettstatt, die in Untergang und
Auserwählung rätselhaft Getauchte, ganz
unversehrt, wie eine Ungebrauchte, und
achtete auf englischen Gesang. Nun da
sie alle hinter ihren Kerzen abwarten
sah, riß sie vom Übermaß der
Stimmen sich und schenkte noch von Herzen die
beiden Kleider fort, die sie besaß, und hob
ihr Antlitz auf zu dem und dem... (O
Ursprung namenloser Tränen-Bäche). Sie
aber legte sich in ihre Schwäche und zog
die Himmel an Jerusalem so nah
heran, daß ihre Seele nur, austretend,
sich ein wenig strecken mußte: schon
hob er sie, der alles von ihr wußte, hinein in ihre göttliche Natur.
II
|
|
|
|
Geschichten vom
lieben Gott (1904) Der
fremde Mann
Ein fremder Mann hat mir einen Brief
geschrieben. Nicht von Europa schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses,
weder von den großen, noch von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von
Rußland oder dem Zaren Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen
Vorfahren. Nicht vom Bürgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von
der nahen Stadt, nicht von den fernen Städten; und auch der Wald mit den
vielen Rehen, darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe
nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von seinem Mütterchen oder von seinen
Schwestern, die gewiß längst verheiratet sind. Vielleicht ist auch sein
Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in einem vierseitigen
Briefe nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, viel größeres
Vertrauen, er macht mich zu seinem Bruder, er spricht mir von seiner Not. Am Abend kommt der fremde Mann zu
mir. Ich zünde keine Lampe an, helfe ihm den Mantel ablegen und bitte ihn,
mit mir Tee zu trinken, weil das gerade die Stunde ist, in welcher ich
täglich meinen Tee trinke. Und bei so nahen Besuchen muß man sich keinen
Zwang auferlegen. Als wir uns schon an den Tisch setzen wollen, bemerke ich,
daß mein Gast unruhig ist; sein Gesicht ist voll Angst und seine Hände
zittern. »Richtig,« sage ich, »hier ist ein Brief für Sie.« Und dann bin ich
dabei den Tee einzugießen. »Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich
habe in Rußland gelernt den Tee mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie
versuchen?« Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte
Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich Dämmerung bleibt im Zimmer, nur eine
etwas wärmere als früher, eine rötliche. Und da scheint auch das Gesicht
meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich
begrüße ihn noch einmal mit den Worten: »Wissen Sie, ich habe Sie lange
erwartet.« Und ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. »Ich weiß
eine Geschichte, welche ich niemandem erzählen mag als Ihnen; fragen Sie mich
nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob der Tee genug süß
ist und ob Sie die Geschichte hören wollen.« Mein Gast mußte lächeln. Dann
antwortete er einfach: »Ja.« »Auf alles drei: Ja?« »Auf alles drei.« Wir lehnten uns beide zugleich in
unseren Stühlen zurück, so daß unsere Gesichter schattig wurden. Ich stellte
mein Teeglas nieder, freute mich daran, wie goldig der Tee glänzte, vergaß
diese Freude langsam wieder und fragte plötzlich: »Erinnern Sie sich noch an
den lieben Gott?« Der Fremde dachte nach. Seine Augen
vertieften sich ins Dunkel, und mit den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen
glichen sie zwei langen Laubengängen in einem Parke, über welchem leuchtend
und breit Sommer und Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder
Dämmerung, dehnen sich in immer engerer Finsternis bis zu einem fernen,
schimmernden Punkt: dem jenseitigen Ausgang in einen vielleicht noch viel
helleren Tag. Während ich das erkannte, sagte er zögernd und als ob er sich
nur ungern seiner Stimme bediente: »Ja, ich erinnere mich noch an Gott.«
»Gut,« dankte ich ihm, »denn gerade von ihm handelt meine Geschichte. Doch
zuerst sagen Sie mir noch: Sprechen Sie bisweilen mit Kindern?« »Es kommt
wohl vor, so im Vorübergehen, wenigstens –« »Vielleicht ist es Ihnen
bekannt, daß Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner Hände nicht
weiß, wie der fertige Mensch eigentlich aussieht?« »Das habe ich einmal irgendwo
gehört, ich weiß indessen nicht von wem« – entgegnete mein Gast, und ich sah
unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn jagen. »Gleichviel,« störte ich
ihn, »hören Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese Ungewißheit. Denn seine
Geduld ist wie seine Stärke groß. Einmal aber, als dichte Wolken zwischen ihm
und der Erde standen viele Tage lang, so daß er kaum mehr wußte, ob er alles:
Welt und Menschen und Zeit nicht nur geträumt hatte, rief er seine rechte
Hand, die so lange von seinem Angesicht verbannt und verborgen gewesen war in
kleinen unwichtigen Werken. Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte,
Gott wolle ihr endlich verzeihen. Als Gott sie so vor sich sah in ihrer
Schönheit, Jugend und Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben. Aber rechtzeitig
besann er sich und gebot, ohne hinzusehen: ›Du gehst hinunter auf die Erde.
Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen siehst, und stellst dich,
nackt, auf einen Berg, so daß ich dich genau betrachten kann. Sobald du unten
ankommst, geh zu einer jungen Frau und sag ihr, aber ganz leise: Ich möchte
leben. Es wird zuerst ein kleines Dunkel um dich sein und dann ein großes
Dunkel, welches Kindheit heißt, und dann wirst du ein Mann sein und auf den
Berg steigen, wie ich es dir befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen
Augenblick. Leb wohl.‹ Die Rechte nahm von der Linken
Abschied, gab ihr viele freundliche Namen, ja es wurde sogar behauptet,
sie habe sich plötzlich vor ihr verneigt und gesagt: ›Du, heiliger Geist.‹
Aber schon trat der heilige Paulus herzu, hieb dem lieben Gott die rechte
Hand ab, und ein Erzengel fing sie auf und trug sie unter seinem weiten
Gewand davon. Gott aber hielt sich mit der Linken die Wunde zu, damit sein
Blut nicht über die Sterne ströme und von da in traurigen Tropfen
herunterfiele auf die Erde. Eine kurze Zeit später bemerkte Gott, der
aufmerksam alle Vorgänge unten betrachtete, daß die Menschen in den eisernen
Kleidern sich um einen Berg mehr zu schaffen machten, als um alle anderen
Berge. Und er erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen zu sehen. Aber es kam
nur ein Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel, welcher etwas schwarzes
Schwankendes aufwärts schleppte. In demselben Augenblicke begann Gottes linke
Hand, die vor seinem offenen Blute lag, unruhig zu werden, und mit einem Mal
verließ sie, ehe Gott es verhindern konnte, ihren Platz und irrte wie
wahnsinnig zwischen den Sternen umher und schrie: ›Oh, die arme rechte Hand,
und ich kann ihr nicht helfen.‹ Dabei zerrte sie an Gottes linkem Arm, an
dessen äußerstem Ende sie hing, und bemühte sich loszukommen. Die ganze Erde
aber war rot vom Blute Gottes, und man konnte nicht erkennen, was darunter
geschah. Damals wäre Gott fast gestorben. Mit letzter Anstrengung rief er
seine Rechte zurück; sie kam blaß und bebend und legte sich an ihren Platz,
wie ein krankes Tier. Aber auch die Linke, die doch schon manches wußte, da
sie die rechte Hand Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte, als
diese in einem roten Mantel den Berg erstieg, konnte von ihr nicht erfahren,
was sich weiter auf diesem Berge begeben hat. Es muß etwas sehr Schreckliches
gewesen sein. Denn Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt, und sie
leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger, als unter dem alten Zorne
Gottes, der ja seinen Händen immer noch nicht verziehen hat.« Meine Stimme ruhte ein wenig aus.
Der Fremde hatte sein Gesicht mit den Händen verhüllt. Lange blieb alles so.
Dann sagte der fremde Mann mit einer Stimme, die ich längst kannte: »Und
warum haben Sie mir diese Geschichte erzählt?« »Wer hätte mich sonst verstanden?
Sie kommen zu mir ohne Rang, ohne Amt, ohne irgend eine zeitliche Würde, fast
ohne Namen. Es war dunkel, als Sie eintraten, allein ich bemerkte in Ihren
Zügen eine Ähnlichkeit –« Der fremde Mann blickte fragend auf. »Ja,«
erwiderte ich seinem stillen Blick, »ich denke oft, vielleicht ist Gottes
Hand wieder unterwegs...« Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, und offenbar wurde sie ihnen so erzählt, daß sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese Geschichte lieb.
|
||
|
Stundenbuch I, Vom mönchischen Leben Werkleute sind wir ... (1906) Werkleute
sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und
bauen dich, du hohes Mittelschiff. Und
manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht
wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und
zeigt uns zitternd einen neuen Griff. Wir
steigen in die wiegenden Gerüste, in
unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis
eine Stunde uns die Stirnen küßte, die
strahlend und als ob sie Alles wüßte von dir
kommt, wie der Wind vom Meer. Dann
ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und
durch die Berge geht es Stoß um Stoß. Erst
wenn es dunkelt lassen wir dich los: Und deine kommenden Konturen dämmern. Gott, du bist groß. |
|
|