Jüdische Gemeinden im Aufbruch
Jahrestagung 2010 des Evangelischen Forums Westfalen
Duisburg, Gelsenkirchen, Bochum – in den letzten zehn Jahren sind hier und an anderen Orten des Ruhrgebiets neue Synagogen gebaut worden. Das Revier ist heute bundesweit die Region mit den meisten jüdischen Gemeinden. Den Einschnitt bildete die Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1990. Durch die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge ist die Mitgliederzahl in den Gemeinden Nordrhein-Westfalens von 5.000 auf 30.000 gestiegen.
Der historische Umbruch bedeutet für die jüdische Gemeinschaft Segen und Herausforderung zugleich. Bei ihrem Bemühen, die Zuwanderer zu integrieren, dürfen sie nicht allein gelassen werden. Anlass genug, die Jahrestagung 2010 des Evangelischen Forums Westfalen unter das Motto „So viel Aufbruch war nie …“ zu stellen und zu fragen, wer die Zuwanderer sind, wie in den Synagogen ein lebendiges religiöses Leben entstehen kann und welche Chancen sich für den christlich-jüdischen Dialog unter den gewandelten Bedingungen ergeben. Die Tagung, gemeinsam gestaltet mit der Evangelischen Akademie Villigst, wurde rundherum ein Erfolg. Zum einen dank der lebendigen Begegnung mit einer jüdischen Gemeinde, zum andern durch die ebenso unterschiedlichen wie je auf ihre Weise besonderen Referentinnen und Referenten, jüdische und christliche.
Zu Beginn machten die vierzig Teilnehmenden von Schwerte aus eine Exkursion nach Bochum. In der Evangelischen Stadtakademie erwartete sie die Ausstellung „Neue Synagogen in Deutschland“ und eine Einführung in den jüdischen Gottesdienst. Danach besichtigte die Gruppe das neue jüdische Gemeindezentrum in Bochum und nahm teil am Freitagabend-Gottesdienst, dem „Kabbalat Shabbat“ (Empfang des Sabbats) mit anschließendem Kiddusch. Man saß zwischen den Gemeindegliedern, genoss gemeinsam Brot, Wein sowie frisches Obst und machte sich gegenseitig bekannt. Der Abend endete im eben erst eingerichteten Café - Restaurant „Matzen“ im Gespräch mit Mitarbeiter/innen der Jugendarbeit. Sie machten überzeugend deutlich: Die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft ist von einer aktiven jungen Generation abhängig. Jeden Sonntag kommen in die Jugendräume der Synagoge zum Spielen und Lernen rund fünfzig Drei- bis Sechzehnjährige aus jungen Zuwandererfamilien, denen es wichtig ist, dass die Kinder mit einer jüdischen Identität aufwachsen.
Durch diesen Einstieg war der Bezug zu den Chancen und Problemen der „Gemeinden im Aufbruch“ erlebnishaft hergestellt. Auf diesem Hintergrund wurden die Vorträge und Gespräche in Haus Villigst mit Spannung erwartet und engagiert geführt. Die Historikerin Svetlana Jebrak, gebürtig aus Odessa, stellte exemplarisch einige Lebenswege jüdischer Einwanderer vor. Sie wies darauf hin, dass viele von ihnen nicht in ihren angestammten Berufen arbeiten können, weil ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt seien. Der Bundestag bereite gerade erst – spät, aber nicht zu spät - ein Gesetz vor, das sich dieses Problems annehme.
Günther-Bernd Ginzel, Journalist aus Köln, analysierte sechzig Jahre jüdischer Geschichte im Nachkriegsdeutschland und ging auf die Konflikte innerhalb der Gemeinden und des Zentralrats der Juden in Deutschland ein. Die einheimischen Mitglieder fühlten sich oftmals überfremdet. Andererseits gebe es im Zentralrat bisher keinen Repräsentanten der „russischen“ Einwanderer.
Beiträge zum jüdisch-christlichen Gespräch lieferten auf je eigene Weise der christliche Theologe Klaus Wengst und der jüdische Arzt Michael Rosenkranz, beide Bochum. Ein Konzert mit dem jüdischen Kantor Efraim Yehoud-Desel und der Pianistin Alla Mesionzhnik aus Münster führte in die Welt des synagogalen Gesangs ein.
Der Abschluss mit dem Architekten Alfred Jacoby, Sohn polnischer Überlebender der Shoah, heute Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Offenbach, bündelte die ganze Tagung. Seine Synagogenbauten seien Suche nach Identität und „Herstellung von Heimat“ zugleich, so Jacoby. Die neuen Synagogen im Ruhrgebiet bestätigen das: Sie bieten die Chance auf eine Zukunft, in der sich jüdische Menschen entfalten können. An städtebaulich markanten Orten gelegen, sind sie zugleich Repräsentanz des Jüdischen und seiner Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft.
Manfred Keller











